Kanarische Schildläuse D.O.P.

Die Cochenilleschildlaus (Dactylopius coccus) könnte auf den Kanaren bald endgültig zu einer x-beliebigen Pflanzenlaus degradiert werden, da es sogar in Guatiza und Mala, den einstigen Epizentren der Cochenillenlauszucht der Kanaren, nur noch eine Handvoll Hobbyzüchter gibt. Immer seltener schreiten sie durch ihre arg pieksenden Opuntienreihen, um die weiblichen Läuse von den Kakteengewächsen abzukratzen. In getrocknetem Zustand werden diese Läuse zu Pulver vermahlen, das als roter Farbstoff E 120 insbesondere in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie zum Einsatz kommt.

Das u.a. für Landwirtschaft und Viehzucht zuständige kanarische Ministerium hat sich als Maßnahme zur Rettung der Läusezucht ausgedacht, die Herkunfts- bzw. Ursprungsbezeichnung „kanarische Schildlaus“ gemäß EU-Verodnung schützen zu lassen. Das entsprechende Verfahren wird nun in die Wege geleitet, so berichtete die Tageszeitung La Provincia. Bei Erfolg würde die kanarische Schildlaus in marktfertigem Zustand den Zusatz „D.O.P.“ tragen für Denominación de Origen Protegida.

Dabei stammen weder Laus, noch Kaktusart und schon gar nicht das Läusezucht-Knowhow von den Kanaren, sondern sie wurden zu Beginn des 19. Jahrhunders aus Südamerika importiert. Peru ist nach wie vor das Hauptexportland dieser äußerlich unscheinbaren, im Inneren aber außergewöhnlich intensiv-roten Laus. Mit dem Aufkommen chemisch hergestellter Farben begann der Niedergang der Läusezucht insbesondere auf den Kanaren, denn die hiesigen Cochenillebauern hatten kaum noch ein Auskommen in Anbetracht der lausigen Kilopreise ihres Produkts.

Diverse Versuche, den hiesigen Cochenilleanbau anzukurbeln, etwa durch eine – wie auch immer geartete – Einbindung in den Tourismussektor, sind bisher wegen Plan- und Planungslosigkeit kläglich gescheitert. So wurde z.B. das 2007 in Mala errichtete Cochenille-Informations- und Entwicklungszentrum bis heute nicht seiner Bestimmung zugeführt, weil sich jahrelang kein Betreiber fand. Das hat sich zwischenzeitlich geändert, allerdings fehlen noch diverse behördliche Genehmigungen, bis es zu einer Eröffnung kommt. Warten wir also ab. Nichts geändert hat sich an der Tatsache, dass es keine Vollzeit-Cochenillebauern mehr gibt, weshalb wir gespannt sind, was es dort zu sehen und zu entwickeln geben wird.

Der vorgesehene Betreiber ist lokaler Hersteller von Aloe-Vera-Produkten, und er verfügt tatsächlich über Aloe-Vera-Anbauflächen. Bei der Aloe Vera handelt es sich um eine Pflanze, die in Form von Creme und Gel seit einigen Jahren massenhaft als original kanarisches Produkt angeboten wird auf allen Kanaren, obwohl es hier früher gar keine, und seit einigen Jahren nur sehr vereinzelte Aloe-Vera-Anbauflächen gibt. Dies nur nebenbei bemerkt.

So ganz erschließt sich mir der Sinn der Herkunftsbezeichnungsaktion nicht, denn es wird kaum damit zu rechnen sein, dass der Zusatz D.O.P. zu einer Belebung der sehr arbeitsintensiven Läusezucht führen wird. Dazu fehlt dem kanarischen E 120 jegliches Unterscheidungsmerkmal zum E 120 aus südamerikanischen Ländern bei gleichzeitig wesentlich teureren Herstellungskosten.

Oder gibt es dann spezielle Subventionen?