Straßenbau auf Lanzarote: Das Biosphärenreservat hat keine Lobby

Insel ohne alternative Verkehrskonzepte

Das Biosphärenreservat Lanzarote erlebt seit einigen Jahren und trotz der längst geplatzten Immobilienblase einen enormen Boom im Straßenbau.

Die zahlreichen, überdimensionierten Projekte der vergangenen Jahre erwecken den Eindruck, dass hier weder über alternative Verkehrskonzepte nachgedacht wird noch eine Reduzierung des viel zu hohen Verkehrsaufkommens herbei geführt werden soll.

Der Einfluss der Autovermieter und der privaten Busunternehmer scheint groß zu sein, denn nach wie vor sind auf Lanzarote die bedeutendsten Touristenattraktionen nicht mit öffentlichem Nahverkehr erreichbar. Selbst am Nationalpark Timanfaya gibt es keine Haltestelle. Lanzarote dürfte auch in dieser Hinsicht ziemlich einzigartig sein.

Die von TUI in 2012 eingesetzten „Lanzarote Vision“-Busse pendelten eine ganze Weile zwischen diversen Sehenswürdigkeiten; der Betrieb wurde allerdings wieder eingestellt. Kein Wunder: Der Preis für ein Tagesticket für einen Erwachsenen entsprach in etwa dem Preis eines Mietwagens für 24 Stunden. Und so tourten die Busse im bequemen Halbstundentakt ganz ohne oder mit nur wenigen Fahrgästen über die Insel.

Es wäre sinnvoll, diese Strecken weiterhin zu bedienen. Allerdings mit regulären Linienbussen und also zu moderaten Ticketpreisen. Durch eine kontinuierliche Verdichtung des Busnetzes könnten sich insgesamt immer mehr Inselbewohner und -gäste wesentlich flexibler autofrei fortbewegen.

Tahíche: Viel überflüssiger Straßenbelag und hohe Kosten

2009 – 2012 wurde die 3,6 km lange Strecke von Arrecife bis und durch Tahíche von zwei auf vier Spuren verbreitert, und zwei der vier Kreisverkehre wurden entsprechend vergrößert. Angeblich seien 21.000 Fahrzeuge hier täglich unterwegs, lautete die Rechtfertigung dieser Baumaßnahmen.

Eine dichte Kette von Straßenlaternen wurde aufgestellt, die sowohl die Fahrbahn als auch die seitlichen, so gut wie nicht genutzten Radwege – und auch die Wohnräume der Anlieger – ab Anbruch der Dämmerung taghell beleuchten.

Dabei gab es vor dem Umbau dort keinen Stau aufgrund großen Verkehrsaufkommens, sondern nur berufsverkehrbedingten Rückstau bei der Einfahrt nach Arrecife, sowie generell bei der kurzen und unübersichtlichen Zufahrt zur Circunvalación, die als Stop-Straße den Verkehr ins Stocken brachte. Dort und auch bei der Qualität des Straßenbelags bestand durchaus Verbesserungsbedarf. Für die 3,6 neu ausgebauten Kilometer gab es indes keinerlei Bedarf. Insgesamt 16,5 Mio. Euro wurden verplant. Noch mehr Geld wurde schließlich benötigt; und der Streit wegen der Kostenübernahme noch zu erledigender Arbeiten ist längst nicht beigelegt.

Eine Fehlplanung sind auch einige neue, zum Teil extrem umständlich zu fahrenden Zuwegungen zu Wohnquartieren und Häuserzeilen von Tahíche.

Als besonders gefährlich sind die neuen Radwege einzustufen, zu denen ich weiter unten mehr schreibe.

Der Straßenbauwahnsinn rund um Arrecife

Die Umgehungsstraße von Arrecife wurde in einigen Abschnitten tiefer gelegt und zudem verbreitert, so dass die Bewohner der angrenzenden Häuser und Häuserzeilen nun aus der Vogelperspektive das Verkehrsgeschehen beobachten können bzw. müssen.

Diverse neue Brücken und „schwebende“ Riesenkreisel mit gigantischen Auf- und Abfahrten, die dem Kamener Kreuz Konkurrenz machen könnten, prägen nun das Erscheinungsbild rund um Arrecife.

Bilder der Straßenbauprojekte von Lanzarote gibt es hier

Lanzarote hat im Zuge der Straßenarbeiten einen großen Wald erhalten; aber leider handelt es sich dabei nicht um ein neues Naherholungsgebiet, sondern um einen Wald aus zahlreichen und zum Teil riesigen Verkehrsschildern und Straßenlaternen.

A propos überflüssige Straßenbeleuchtung: Wer aus Richtung Costa Teguise an Ikea vorbei nach Arrecife fährt, kann auf der linken Straßenseite eine Wegbeleuchtung der besonderen Art sehen: Dort werden einerseits die Straße und der Bürgersteig und andererseits das Unkraut illuminiert:

Unkrautbeleuchtung

Schnellstraße Guatiza – Órzola

Hier geht es um die LZ-1, die kurz vor Arrieta als Schnellstraße endet. Geplant war eine Verlängerung der Schnellstraße bis Órzola; und dieses komplett überflüssige Vorhaben sollte ca. 20 Mio. Euro kosten. Glücklicherweise wurde es auf Eis gelegt, weil die Umweltverträglichkeitsstudien negativ ausgefallen sind; na immerhin!

Radfahrer leben gefählich

An die vielen Radsportler, die auf Lanzarote seit diversen Jahren insbesondere in den Wintermonaten trainieren, wurde ebenso wenig gedacht wie an den „normalen“ Radfahrer. Dabei ist Radfahren generell in Mode gekommen auf der Insel.

Hals- und Beinbruch droht ihnen insbesondere auf den neuen Radwegen und Bushaltebuchten von Tahíche bis Arrecife, weshalb Radfahrer dort so gut wie nie radeln:

Bushaltestelle-Tahíche

Kaum Proteste

Im Gegensatz zu den von Repsol geplanten und zur Zeit ad acta gelegten Ölbohrvorhaben gibt es auf Lanzarote so gut wie keine Bewegung gegen diesen Teer-, Bitumen-, Beton-, Schilder- und Laternenwahnsinn, abgesehen von den Protesten direkt betroffener Anlieger, die von Enteignungen, Licht, Lärm und Staub betroffen waren bzw. sind. Ganz im Gegenteil: Die neuen Straßen kommen gut an. Und zwar so gut, dass sich die Zahl der Unfälle erhöht hat.

Umweltschutz ist hier nach wie vor nur bei einer kleinen Minderheit ernstes Thema; und das eigene Auto ist auch vielen Insulanern ziemlich heilig. Aufgrund des geringen Spritpreises auf Lanzarote spielt der Treibstoffverbrauch beim Autokauf bei vielen keine Rolle, weshalb „Spritfresser“ das Straßenbild prägen.

Lanzarote – quo vadis

Die Infrastrukturfolgekosten scheinen bei diesen Projekten ebenso ausgeklammert worden zu sein wie der Esprit und das Vermächtnis von César Manrique, bauliche Interventionen als harmonische Verbindung zwischen Mensch und Natur zu planen und zu gestalten. Und zwar unter strenger Berücksichtigung ökologischer Aspekte. ‚Architecture follows nature‘, sozusagen; und nicht umgekehrt, wie’s leider seit Jahren auf Lanzarote praktiziert wird.

Überhaupt scheint der Einfluss von César Manrique nur noch sehr gering zu sein. Vom Prinzip, nur weiße bis ockerfarbene Gebäude zuzulassen und Werbeplakate zu verbieten, wird immer mehr abgewichen. Ikea, McDonalds, Brico King, Lidl und Electron machen mit großen Lettern und in bunten Farben auf sich aufmerksam, und andere, auch kleinere Gewerbe ziehen farblich kräftig nach.

Lanzarote verliert kontinuierlich an seiner Einzigartigkeit, und womöglich eines Tages auch den Status des Biosphärenreservats.

Cesar Manrique dürfte in seinem Grab ziemlich rotieren.